5 Thesen für das Potential der Blockchain

BMVI Blockchain Steve

Bei einem Expertenforum in Berlin hat ETECTURE zusammen mit anderen führenden deutschen Unternehmen aus der Automobil- und Logistik-Branche die Bedeutung der Blockchain für den Mobilitätssektor diskutiert. Zur Veranstaltung hatte das Fraunhofer Institut (FIT) zusammen mit dem Bundesministerium für Verkehr und Digitale Infrastruktur (BMVI) eingeladen. In einem intensiven Fachworkshop wurden Fragestellungen und Erkenntnisse für ein Grundgutachten zum Thema Blockchain und Distributed-Ledger-Technology (DLT) im Bereich Mobilität ausgetauscht.

 

Im Rahmen dieser Diskussionsplattform erarbeiteten ausgewählte Vertreterinnen und Vertreter aus Verbänden, Unternehmen und der Wissenschaft verschiedene Hypothesen zum Thema Blockchain im Mobilitätssektor und überprüften und verfeinerten sie hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit. Neben spannenden Diskussionen und der Vernetzung mit weiteren Experten, aus dem Bereich Blockchain und Mobilität, wurden gemeinsam folgende fünf Thesen für das Potential und den Einsatz von Distributed-Ledger-Technologien wie der Blockchain erarbeitet.

 

1. Vertrauen und Vertraulichkeit müssen gewährleistet sein

Wenngleich das BMVI mit der Beauftragung eines Grundgutachtens einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung geht, so hängt der gesamte Verwaltungsapparat, auf nationaler und europäischer Ebene, beim Thema Blockchain derzeit noch stark hinterher. Die auf Grund der fehlenden Rechtssicherheit und reglementierten Rahmenbedingungen herrschende Unsicherheit, wird von der Industrie als einer der entscheidendsten Faktoren für die bisher in Deutschland - im internationalen Vergleich - nur sehr schleppende Entwicklung des Blockchain-Themas empfunden.

 

Insbesondere hinsichtlich des Umgangs mit personenbezogenen Daten in einer Blockchain besteht nach wie vor akuter Klärungsbedarf. Dinge wie das "Recht auf Vergessen" sind mit einer Blockchain, in der ein Löschen von Informationen nicht vorgesehen ist - ja sogar unter keinen Umständen geschehen darf - nur über besondere Umwege abbildbar. Die Verwendung von Blockchain-Nachweisen als Urkundenersatz oder für Haftungsangelegenheiten ist bisher eine rechtliche Grauzone, welche der Entwicklung von B2C-Anwendungen derzeit klar im Wege steht.

 

Auch die Frage nach der Anerkennung digitaler Signaturen, mit denen die in einer Blockchain kryptografisch abgelegten Informationen gezeichnet werden können, ist bisher noch unbeantwortet. Wenn im Zweifelsfalle zu einer digitalen, fälschungssicheren Information, auf Grund fehlender Bestimmungen, ein anderweitiges, deutlich schwächer gesichertes Pendant, bspw. Papier, hinzugefügt werden muss, so verschwindet nicht nur der Vorteil einer DLT Lösung, sondern auch der Aufwand verdoppelt sich.

 

2. Klarheit in der Datenhoheit erforderlich

Das Thema Datenhoheit hat im digitalen Zeitalter höchste Relevanz. Wer welche Daten produziert und wem diese Daten anschließend gehören, bzw. was damit gemacht werden darf, sind Themen die Gesellschaft und Industrie gleichermaßen beschäftigen.

 

Da es mit DLT nun erstmals auch eine Möglichkeit gibt Daten zu einem nachverfolgbaren Gut zu machen, ist es erforderlich Daten-Governance und -Management Strategien zu entwickeln, mit denen sowohl der Datenschutz, als auch die Datenhoheit sicher und zweifelsfrei abgebildet werden können.

 

Neben einer allgemein großen DSGVO-Unsicherheit möglicher Blockchain-Einsatzszenarien, geht es in der Industrie aber in erster Linie um die Herausforderung der Absicherung der Datenhoheit in Plattformen und Netzwerken, die auf der DLT-Technologie basieren. Auch wenn die DSGVO den Datenaustausch eindeutig qualifizierbarer (hier: personenbezogener) Daten zwar nicht aktiv verhindert, so kann sie aber deren unrechtmäßige Verwendung unter Strafe stellen. Ähnliche Strategien könnten zukünftig auch für unternehmensbezogene Daten eine Möglichkeit zur Absicherung darstellen.

 

Da es sich bei einer Blockchain um ein verteiltes System handelt, bei welchem lediglich Transaktionsinformationen abgelegt werden, geht es den Unternehmen hier oftmals vor allem um Meta-Daten – also Informationen über Daten, Volumen, Datenströme etc. Während die fälschungssichere, belegbare Dokumentation von Transaktionen eines der stärksten Argumente für die künftigen Einsatzmöglichkeiten von Blockchain-Technologien ist, stellen die Funktionalitäten, die dies erst ermöglichen, gleichzeitig auch eine der größten Herausforderungen dar.

 

Auf einer offenen und transparenten Plattform wie einer Blockchain können Partner und Mitbewerber gleichermaßen Transaktionshistorien einsehen und darauf reagieren. Die Datenhoheit über derlei Informationen ist im digitalen Zeitalter von höchster Brisanz. Es finden sich viele Beispiele in denen Plattformbetreiber, wie bspw. Amazon, aus Nutzungsdaten gewonnene Einsichten verwendeten, um das eigene Geschäft zu optimieren, bzw. um in vielversprechende neue Marktsegmente einzutreten. Bereits die Möglichkeit zur Analyse von Transaktionen durch Dritte stellt eine, aus unternehmensstrategischer Sicht, höchst kontroverse Fragestellung dar.

 

Wenngleich verschiedene Blockchain- bzw. Cryptocurrency-Anbieter dieses Problem bereits aktiv adressieren und entsprechende mathematische Lösungen existieren, stellt die Frage nach der Datenhoheit und deren Durchsetzbarkeit noch immer eine der grundsätzlich zu diskutierenden Herausforderungen dar. Denn auch wenn die Rohdaten selbst gar nicht in einer Blockchain enthalten sein müssen und die Transaktionsdaten geschützt werden könnten, so besteht immer die Gefahr der "nächsten Ableitung". So ermöglichen Machine Learning (ML) und Deep Learning (DL) Algorithmen, das Erkennen von Mustern und Gesetzmäßigkeiten, sowie prognostizierende, bewertende Ableitungen aus eingehenden Daten (predictive und prescriptive Analytics). Da die mit einem solchen Verfahren trainierten Algorithmen meist keinen Rückschluss auf die ursprünglichen Daten zulassen, ergibt sich für eine, die Datenhoheit über die analysierten Daten besitzende Partei keinerlei Handhabe. Das Besitzerverhältnis der neu gewonnen Erkenntnisse, also des neuen "künstlichen Wissens", ist unklar.

 

Letztendlich könnte die Frage nach der Datenhoheit daher vielleicht gerade so beantwortet werden, dass es diese zukünftig in der altbekannten Form nicht mehr geben wird, und dass die Vorteile der gleichberechtigten Datentransparenz, unter allen teilnehmenden Partnern, zu komplett neuen Geschäftsmodellen führen wird.

 

3. Verhinderung von Monopolbildung wichtig

In der Industrie setzt ein Umdenken ein. Statt mit dem Ziel als stärkster Akteur einen Markt zu dominieren, denken die Unternehmen der Logistik- und Automobilbranche beim Thema Blockchain vor allem darüber nach, wie Monopolbildung verhindert werden kann. Gemäß den Ansätzen und Ideen der Blockchain Revolution verstehen Industrie und Verbände die Möglichkeit des Verzichts auf Intermediäre als Chance, nicht als Bedrohung. Konzepte wie das Joint Venture zwischen Drive Now und Car2Go zeigen bereits die Bereitschaft großer Konzerne in der Automobilindustrie, sich aus einer vollumfänglichen Konkurrenzsituation zu lösen und hin zu einem Kooperationsmodell zu transformieren, in dem sie gemeinsam als Mobilitätsanbieter (Mobility as a Service, MaaS)auftreten.

 

Als entscheidender Faktor zur Verhinderung von Monopolbildung, wird in Erster Linie die Notwendigkeit gemeinsamer, industrieübergreifender und im besten Falle auch EU-weiter Standards angenommen. Die aktive Zusammenarbeit zwischen dem produzierenden Gewerbe und dem Dienstleistungsgewerbe sowie die Unterstützung durch staatliche Institutionen und Verbände, wurden als wesentliche Wegbereiter zur Unterstützung der Entwicklung von DLT identifiziert.

 

Automobilhersteller, Logistikunternehmen und Blockchainanbieter schließen sich für den konkreten Einsatz von DLT im Mobilitätssektor zu Allianzen wie dem MOBI Konsortium oder dem Share & Charge zusammen und wirken damit aktiv einer Monopolbildung entgegen. In Arbeitsgruppen und Expertenforen werden hier gemeinsam die Grundlagen für künftige Anwendungen und Geschäftsmodelle entwickelt. Auch Software- und Serviceanbieter wie ETECTURE spielen bei diesem plattformstrategischen Thema eine wichtige Rolle. Mit ihren Service-Engineering Strategien ermöglichen sie, dass Plattformen nicht nur mit Anwendungen, sondern auch mit den für den Netzwerk-Effekt notwendigen Anwendern versorgt werden.

 

Ein möglichst breit gefächertes Spektrum an Einsatzmöglichkeiten sorgt ebenfalls für zusätzlichen Schutz vor Monopolbildung, da hierdurch sichergestellt wird, dass die zum Betrieb einer offenen Blockchain notwenige Dezentralisierung des Systems besteht.

 

4. Netzwerkorganisation als Chance nutzen

Während sich der Blockchain Hype in den letzten Monaten spürbar vom Plateau der übersteigerten Erwartungen in Richtung des Tals der Desillusionierung verschoben hat, so geht diese Entwicklung aus Sicht der Wirtschaft doch mit einer notwendigen Konsolidierung des Marktes einher. Das Stimmungsbild in der Industrie war entsprechend in Teilen etwas gedämpft, da fehlendes Verständnis für DLT Lösungen einen zielgerichteten und effizienten Austausch bisher erschwert haben.

 

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken besteht in der Wirtschaft ein gesteigertes Interesse am Expertenaustausch und an verstärkter Kollaboration sowie gemeinsamer Forschung. Auf Grund der in vielen Bereichen noch fehlenden Implementierungen und einer in den meisten Fällen nur theoretischen Beschäftigung mit dem Thema, liegt der Fokus im Austausch und in der Diskussion zunächst oftmals im strategischen Bereich. Referenzimplementierungen wie die Blockchain-basierte Absicherung von Frachtbriefen, die ETECTURE für den Logistikdienstleister MOSOLF erstellt hat, können helfen die technischen Herausforderungen hinsichtlich Skalierbarkeit, Interoperabilität, aber auch den Umgang mit noch fehlenden Standards transparent zu machen und daraufhin Lösungsstrategien zu entwickeln. Ein Ausbau von Forschung und Prototypenentwicklung wird daher von allen Seiten als äußerst wünschenswert betrachtet.

 

Gemeinsame Bestrebungen wie eine offene Mobilitätsplattform oder Lösungen, für eine über den gesamten Lifecycle eines Fahrzeugs betrachte Supply Chain, sind Anwendungsszenarien, denen die Industrie enormes Potential beimisst. In diesen notwendigerweise stark integrierten Netzwerken tritt erneut das bereits zuvor angesprochene, neue Selbstverständnis und die damit verbundenen Zielsetzungen, der sich in Entstehung befindenden Mobilitätsanbieter, klar zum Vorschein.

 

Der verlässliche und möglichst automatisierte Austausch von Daten erfordert, von den teilnehmenden Partnern, eine interoperable Netzwerkorganisationen, bei der die einzelnen Anbieter in der Lage sind, gegenseitig Leistungen über entsprechende Lizenzen auszutauschen, sie zu verrechnen oder aber auch Leistungen über Zertifikate zu validieren. Ein Beispiel für ein solches Model können die für Elektrofahrzeuge notwendigen Ladeinfrastrukturen sein, bei denen nicht mehr die Anzahl der eigenen Ladesäulen eines Anbieters, sondern die Belastbarkeit des gesamten Netzwerks, den für die Effektivität und den Erfolg von Elektromobilität entscheidenden Ausschlag geben.

 

Diese und ähnliche real existierende Geschäftsanwendungen für Netzwerkorganisationen werden als wichtige Chance angesehen um mittels einer Blockchain tatsächliche Geschäftsmodelle am Markt zu platzieren und dabei das Risiko auf mehrere Schultern zu verteilen, bzw. den ROI (Return of Invest) zu beschleunigen.

 

5. Basis für neue Geschäftsmodelle entsteht

Die Nutzung von DLT ermöglicht die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, bei denen größtenteils auf Intermediäre verzichtet werden kann. Wenngleich der Einsatz der Technologie sich weiterhin erst in den Anfängen befindet, so zeichnen sich doch bereits Konzepte ab, die das Potential besitzen einige althergebrachte oder mit bisherigen Technologien nicht abbildbare Anwendungsfälle, mit den durch die Blockchain und Smart-Contracts ermöglichten Strukturen nutzbar zu machen.

 

Durch die Möglichkeit Transaktionen unabhängig und fälschungssicher zu dokumentieren, ergeben sich für den Einsatz eigener Güter ganz neue Möglichkeiten. Assets, die zuvor lediglich für die eigene Nutzung in Frage kamen, können mit Hilfe der Blockchain auch anderen zur Verfügung gestellt werden, indem entsprechende Restriktionen (Nutzung, Nutzungsrechte, Nutzungsrichtlinien) per Smart Contract festgelegt werden können. Hierdurch eröffnen sich gänzlich neue Geschäftsmodelle zum Austausch von Werten, bei denen zuvor ein Intermediär gefehlt hat oder aber die notwendigen Aufwände und Gebühren für einen solchen, die Nutzung wenig interessant haben erscheinen lassen. Erste Beispiele solcher Sharing Economy getriebenen Ansätze finden sich z.B. in offenen Mobilitätsplattformen.

 

Unter dem Begriff Assetization bzw. Tokenization wird der Ansatz verstanden sämtliche Güter, Daten und Aktionen, so klein(teilig) diese auch sein mögen, handelbar zu machen. Während sich im alltäglichen Wirtschaftskreislauf der Verwaltungsaufwand ins Unermessliche steigern würde und derlei Berechnungen daher nur auf exemplarischer Basis, z.B. für die Ermittlung von Kennzahlen, verwendet werden, erlaubt es die Blockchain jede noch so kleine Transaktion zu dokumentieren. Bisher lediglich theoretisch denkbare Konstrukte können mit Hilfe von DLT bis auf die kleinstmögliche Einheit heruntergebrochen und angeboten werden.

 

Durchführbar wird dies z.B. mit Hilfe von IoT (Internet of Things) Devices und unter Verwendung von Smart Contracts. Im Zusammenspiel dieser beiden Technologien wird es möglich Abläufe ab der ersten Einheit zu verrechnen und zu vergüten, ohne dass hierzu ein manueller Eingriff notwendig wäre. Die durch fortschreitende Digitalisierung bei vielen Leistungen aus der Betrachtung verschwindenden Marginalkosten (Zero-Marginal-Costs) könnten mit der Blockchain für nicht digitale Güter oder bisher noch nicht digital nachverfolgbare Güter (bzw. Daten) erneut zugänglich gemacht werden. Als Beispiel für einen solchen Anwendungsfall, der zuvor mit bestehenden technischen Lösungen noch nicht verwertbar gemacht werden konnte, wird oftmals die Platooning-Abrechnung in der LKW-Logistik angeführt.

 

In letzter Konsequenz ermöglicht die fortschreitende Vernetzung mit der Unterstützung von Distributed Ledger Technologien, wie der Blockchain und der Möglichkeit Prozesse durch Daten von IoT Devices über Smart Contracts zu steuern, einen kompletten Wandel der Industrie von einer kollaborativen Wertschöpfung hin zu einer komplett bedarfsgesteuerten Gesellschaft, in der nicht mehr Menschen sondern Algorithmen steuern, welche Güter wann, wie und vom wem (und durch was), in welcher Art produziert und konsumiert werden.

 

Sicherlich eine Zukunft, die für so manchen eher einem Horror-Szenario, als einem Wunschtraum gleicht. Die Zeichen der Zeit sind jedoch bereits gestellt, Ansätze wie das Mobilitätsschema der finnischen Stadt Helsinki oder die geplante vollumfassende "Blockchainifizierung" von Dubai zeigen, wie erste Experimente in diese Richtung bereits heute Gestalt annehmen.

Ansprechpartner

Nils Bott
Nils
Bott
Software Developer und DLT Engineer
nils.bott@etecture.de